Große Szene am Fluss

von

Tankred Dorst

 

 

Kritik der Aufführung
(Badische Zeitung)

Szenenbilder
der Aufführung

Die „Große Szene“ am „kleinen“ Titisee

 

Schüler spielen Tankred Dorst im Kurhaus am Titisee

 

Was ist groß – und was ist klein? Ebenso, wie man mit Fug und Recht den Titisee als „großen“ See bezeichnen kann, lässt sich die Szene, die sich am Donnerstag, dem 4. Juli 2002 um 20 Uhr, auf der Bühne des Kurhauses am Titisee abspielen wird, auch als „kleine“ Szene ansehen. Denn schließlich handelt es sich „nur“ um ein beinahe realistisches Gespräch zwischen „nur“ drei Personen. Warum nennt Tankred Dorst, einer der produktivsten, vielseitigsten und erfolgreichsten Theaterautoren unserer Zeit, eines seiner jüngsten Stücke (Uraufführung 1999 in München) dennoch „Große Szene am Fluss“? Und warum haben sich drei Oberstufenschüler des Kreisgymnasiums Hochschwarzwald, die mit dem Abschluss ihrer Schullaufbahn ausreichend beschäftigt sind, entschlossen, mit großem Engagement dieses Stück einzustudieren und aufzuführen?

Die äußeren Umstände der „Szene“ sind klar und aktuell: Es herrscht Krieg, oder besser gesagt: eine jener militärischen Interventionen, wie sie uns zur regelmäßigen Notwendigkeit geworden zu sein scheinen. Eine Reporterin ist auf der Suche nach einer „guten Story“, einer „großen“ Story. Sie zeigt ein Foto vor, auf dem der zerschossene Kopf eines Mannes und ein Zettel mit einem Gedicht zu sehen sind, und versucht von den beiden Söldnern Osso (der Name klingt nicht zufällig wie „Ossi“) und Speed herauszubekommen, wer ihr Kamerad war und wie er ums Leben gekommen ist. Sie „wittert“ da ein sensationsträchtiges Geheimnis.

Aus dieser Situation entwickeln sich schonungslose Dialoge, die ein Dickicht von Lügen, Gerüchten, Hypothesen, Witzen und Denkfallen entlarven, die Fragen aufreißen und Haltungen in Frage stellen, ohne doch die Antwort oder gar die Wahrheit bereitzustellen.

Und was ist nun daran groß?

Groß ist der Drang der Personen zu verschweigen und zu zerreden, zu flüchten in Scheinhandlungen, zu vergessen, was als Erinnerung der Anfang von Zukunft sein könnte. Dass der Fluss, an dessen Ufer die Szene spielt, Lethe, der Fluss des Vergessens, ist, spricht keiner direkt aus.

So besteht die „Größe“ der „kleinen“ Szene darin, gerade durch eine  scheinbare Imitation von Realität zu zeigen, dass „Realität ... etwas sehr viel Weiteres, Größeres“ (T. Dorst, 1990) ist als nur Augenschein und Ohrenspektakel.

Sich mit einem solchen Ansinnen zu verbinden und eindringlich darauf aufmerksam zu machen, dass Wirklichkeit sich erst einstellt, wenn man bereit ist, gegen den breiten Strom der Antworten und Wahrheiten zu schwimmen, lässt aber auch den großen Anspruch der jungen Darsteller erkennen, vom Leben mehr zu erwarten als Wohlstand und Zufriedenheit.